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Die IG Menschengerechte Stadt fordert den Stadtrat auf, mit seinem Grundsatzbeschluss am 3. Februar 2020 die einmalige Chance für eine Neuplanung auf dem Bürgerspitalareal wahrzunehmen.

APPELL

Immer mehr Kommunen bemühen sich, Innenstädte vom Autoverkehr zu entlasten und sie damit für Bewohnerinnen und Bewohner lebenswerter zu gestalten. Sie setzen auf eine lebendige Infrastruktur mit vielfältigen Einkaufs-und Verweilmöglichkeiten. Sie schützen ihre Altstadt vor Lärm und Feinstaub, sorgen mit Grünflächen für ein angenehmes Klima. Amberg ist davon weit entfernt.

Es schadet nicht, Entscheidungen zu korrigieren. So geschehen im Maltesergarten, in der Schiffgasse, mit der Kastanie hinter der Martinskirche und in der Bahnhofstraße mit dem Forum und der Storg-Fassade. Nun entfällt auch die Tiefgarageneinfahrt an dieser Stelle. Aufgrund der miserablen Bodenverhältnisse auf dem Bürgerspitalareal kann der holländische Investor sein ursprüngliches Bauvorhaben nicht realisieren und wird wortbrüchig. Übrig bleibt nicht einmal mehr eine Quartiersgarage. Nur noch ein rund 65 Meter langes, 38 Meter breites und bis zu 16 Meter hohes Betongebilde – ohne Magnetwirkung, aber mit der Aussicht auf einen Spitalgraben mit Schlucht-Charakter.

Moderne Stadtplanung macht sich die Einzigartigkeit des Ortes zunutze, den Genius Loci. Ein wünschenswerter Bezug auf vorhandene, noch erkennbare historische Strukturen – die archäologischen Funde aus der Keltenzeit – fehlt in Amberg. In einem unfassbar barbarischen Akt wird Stiftungsgrund geopfert, der 700 Jahre lang seiner Bestimmung gemäß genutzt wurde.

Noch hat es der Stadtrat in der Hand, diese städtebauliche Fehlentwicklung abzuwenden und einen Ort zu schaffen, der sowohl ästhetischen und historischen Verpflichtungen, als auch modernen Aspekten der Stadtentwicklung gerecht wird – einen Begegnungsraum mit hoher Aufenthaltsqualität.

Es ist Zeit für einen Umdenkungsprozess. Es ist die Gelegenheit, einer kleinteiligen Bebauung, einem Kultur- oder Geschichtspark anstelle eines mit der Martinskirche konkurrierenden Monsterbaus den Vorrang zu geben. Der anstehende Grundsatzbeschluss sollte in die Zukunft und auf eine menschen-und altstadtgerechte Nutzung des ehemaligen Stiftungsgeländes weisen.

Die IG Menschengerechte Stadt fordert deshalb den Stadtrat zu einer konsequenten Entscheidung gegen die Ten Brinke-Planungen auf dem Bürgerspitalgelände auf. Die Alternative der Stadtverwaltung liegt auf dem Tisch. 

 


 

Unsere Unterschriftenaktionen

Manche haben sich wohl schon gefragt, was aus den Unterschriftenlisten zum Forum und zum    Bürgerspital geworden ist, die wir Ende August 2017 und im Mai 2018 bei der Stadt Amberg eingereicht haben. Jetzt ist es im Amtsblatt vom 7.12.2018 nachlesen. Die Einwendungen wurden „in das Verfahren aufgenommen“, der Stadtrat hat darüber entschieden, als er den Bebauungsplan für das Bürgerspitalareal am 24.09.2018 beschlossen hat.

Ganz förmlich und korrekt heißt das im Amtsblatt: „Öffentliche Mitteilung der Abwägungsergebnisse gemäß §3 Abs.2 BauGB des vorhabenbezogenen Bebauungsplanverfahrens AM 134 ‚Bürgerspitalareal‘ mit 128. Änderung des Flächennutzungs- und Landschaftsplanes“.

Wer selbst Einwendungen vorgebracht hat, wurde übrigens inzwischen von der Stadt per Post informiert. Wenn mehr als 50 Personen Stellungnahmen mit gleichem Inhalt abgegeben haben, darf die Stadt auch den einfachen Weg einer Veröffentlichung im Amtsblatt gehen. Wer mag, kann sich die Stellungnahme der Stadt zur Kritik am Bauvorhaben auch im Referat für Stadtentwicklung und Bauen der Stadt Amberg, Stadtplanungsamt (Steinhofgasse 2), ansehen oder im Internet (http://www.amberg.de/buergerinfo/vo0050.asp?__kvonr=8907) abrufen.

Wir informieren hier, wie die Stadt zur Unterschriftenaktion Stellung genommen und was der Stadtrat mehrheitlich als „Abwägungsergebnis“ beschlossen hat.

Schon die Überschrift „Anregungen der IG Menschengerechte Stadt e.V.“ ist allerdings missverständlich. Natürlich steht die IG Menschengerechte Stadt zu diesen „Anregungen“. Aber eben nicht nur wir als Verein, sondern alle Bürgerinnen, die die Unterschriftenlisten mit klaren Einwendungen und Forderungen unterzeichnet haben. Das waren bei der ersten Liste 835 Bürger und bei der zweiten noch einmal rund 50 – eben nicht nur ein Verein! An dieser Stelle: Herzlichen Dank für die großartige Unterstützung.

Die erste Liste vom August 2017

Die Forderungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich erhebe folgende Einwendungen gegen den öffentlich ausgelegten Bebauungsplan 134:

1. Ich bin für den Erhalt der „Storg“-Fassade und des symmetrischen Innenhofs.

2. Ich bin gegen die Zerstörung der Blickachse in der Bahnhofstraße durch ein monströses Einfahrtsbauwerk für eine unnötige teilöffentliche Tiefgarage mit Ausfahrt über den Spitalgraben.

3. Das Spitalgelände sollte durch Wohnen im Geschichtspark unter Einbeziehung der Ausgrabungen aufgewertet und das Ringtheater Kultur- und Veranstaltungszentrum werden. Die Planungen der Stadt entsprechen in keinem dieser Punkte meinen Erwartungen an eine sinnvolle Stadtentwicklung. Ich fordere deshalb eine grundlegende Überarbeitung des Plans und den Widerruf der Abrissgenehmigung für die Gebäude in der Bahnhofstraße 10 - 12.

„Abwägungsvorschlag“ der Stadt dazu:

Stellungnahme zu 1.: Die „Storg“-Fassade (Bahnhofstraße 10-12) ist nicht Gegenstand des Verfahrens.

Wir meinen: Das ist richtig. Aber immerhin scheint angekommen zu sein, dass viele Bewohner und Besucher von Amberg, gegen die Zerstörung des als Denkmal geschützten Gebäudes sind. Der genehmigte Abriss ist nicht begonnen. Die Gewerbebau sucht – sagt ihr Chef – nach einer Lösung, „wie die Fassade des Innenhofs erhalten werden kann“ (wenigstens das) und sogar der Fraktionsvorsitzende der CSU, Dieter Mußemann, meinte in seiner Haushaltsrede: „Und selbst beim Thema Fassade Forum konnte unser Oberbürgermeister ja jetzt alles in eine gute Richtung wenden, die auch im Benehmen mit dem Landesamt für Denkmalpflege steht!“ Das ist schon einmal ein kleiner Schritt, nachdem früher einfach behauptet wurde, das Gebäude sei überhaupt kein Denkmal. OB Cerny schließlich hat mit dem Innenhof jetzt Großes vor: „Dann könnten wir auch im kulturellen Bereich dort viel machen. Da wäre ich sogar bereit zu sagen: Dann nehmen wir den Innenhof als öffentlichen Raum und machen die Überdachung auf städtische Kosten." Das ist schon einmal deutlich besser als die Abrissbirne!

Stellungnahme zu 2.: An der Durchführung der im Bebauungsplan vorgesehenen Maßnahmen besteht ein öffentliches Interesse. Wesentlicher Bestandteil der Planung der Stadt Amberg für den hier in Rede stehenden Bereich ist die Unterbringung der Ziel- und Quellverkehre in Tiefgaragen, da die unterirdische Verortung der Stellplätze für die Wohnqualität des Quartiers und das Ensemble Altstadt verträglicher ist. Um die Sichtachsen in der Bahnhofstraße aufrechtzuerhalten ist eine Einhausung des Abfahrtsbauwerks nicht zulässig und immissionsschutzrechtlich auch nicht notwendig. Um die Wirkung der Öffnung zu schmälern, erfolgt deshalb lediglich eine Abdeckung. Folgender beschreibender Text war im Stadtratsbeschluss zum Einfahrtsbauwerk formuliert: Variante 6, halboffen: Es handelt sich um eine leichte Glaskonstruktion, die sich optisch dezent im Hintergrund hält und die Sichtachsen erhält. Das Abfahrtsbauwerk schließt mit einer Glasplattform ab. Diese Plattform könnte als Podest für Sitzmöglichkeiten genutzt werden. Die Glaselemente müssten regelmäßig gereinigt werden und wären gegenüber Schäden durch den Kraftverkehr noch ausreichend zu schützen. Es bedarf z.B. eines Rammschutzes im Abfahrtsbereich und zum Schutz der Glasplattform gegen Überfahren. Natürlich muss diese Art der Abfahrt technisch ausgearbeitet werden, dies ist der Stadt Amberg als Auftraggeber durchaus bewusst.

Wir meinen: Es gibt kein „öffentliches Interesse, „Ziel-und Quellverkehre“ samt dem dazu gehörenden ruhenden Verkehr in die Altstadt zu ziehen. Die „autogerechte Stadt“ ist ein Hirngespinst aus dem vergangenen Jahrhundert, das allerdings in Amberg immer noch herumgeistert. Es wäre besser, Autoverkehr zu vermeiden. Wenn es der Stadt Amberg „bewusst“ ist, dass die hübschen Entwürfe mit Glasverkleidung so nicht zu realisieren sind, weil eben noch ein – sicher massiver – „Rammschutz“ dazu kommt, warum macht sie dann der Öffentlichkeit mit solchen Bildchen falsche Vorstellungen?

Stellungnahme zu 3.: Planungen außerhalb des Geltungsbereichs sind nicht Gegenstand des Verfahrens.

Wir meinen: Das ist voll daneben. Das Spitalgelände ist der Geltungsbereich des Bebauungsplans. Was darauf gebaut wird, ist „Gegenstand des Verfahrens. Darum geht es! Das Ringtheater liegt direkt daneben und bietet sich zur Belebung des Areals an.

Die zweite Liste vom Frühjahr 2018

Anregungen der IG Menschengerechte Stadt e.V. im Rahmen der erneuten Beteiligung der Öffentlichkeit

Sehr geehrte Damen und Herren, anbei überreichen wir ihnen 5 Unterschriftenlisten mit insgesamt 50 Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern, die sich gegen den o.a. Bebauungsplan aussprechen. Wir gehen davon aus, dass diese Einwendungen im Rahmen der weiter anstehenden Entscheidungen berücksichtigt werden.

Mit der – leicht – geänderten Fassung des Bebauungsplans sind wir nicht einverstanden.

- Es ist der Stadt nicht gedient damit, dass der durch eine unnötige Tiefgarage verursachte Verkehr nur durch die Ziegelgasse geleitet wird.

- Es schadet der Stadt, wenn die Begrünung des Geländes im öffentlichen Raum nun auf zwei Bäume und etwa‚ zwanzig Quadratmeter Rankgewächse an den Fassaden reduziert wird.

- Es wird nichts schöner, wenn der nicht in die Altstadt passende Gebäudeklotz nun noch größer werden und direkt an den Eckert-Bau anschließen soll. Es wird also nichts besser mit dem überarbeiteten Plan.

Wir fordern: 1. Das Spitalgelände sollte durch Wohnen im Geschichtspark unter Einbeziehung der Ausgrabungen aufgewertet und zusammen mit dem Ringtheater - vielleicht auch dem Luftmuseum – Kultur- und Veranstaltungszentrum werden.

2. Die Stadt soll bezahlbaren Wohnraum für alle Generationen in der Altstadt schaffen und so Respekt für die 700 Jahre alte königliche Stiftung des Bürgerspitals zeigen, statt eine große Fläche einem Investor zur profitablen Verwertung zu überlassen.

3. Es muss auf dem Baugelände mindestens so viel an Grünflächen geschaffen werden, wie vor dem Abriss des Bürgerspitals vorhanden war.

4. Die Blickachse in der Bahnhofstraße darf nicht durch ein monströses Einfahrtsbauwerk für eine unnötige teilöffentliche Tiefgarage zerstört werden.

5. Sollten die der Stadt vorliegenden Verkehrsprognosen für 2030 richtig sein, muss sie für Verkehrsberuhigung sorgen und darf nicht durch eine Tiefgarage ein ganzes Areal im Entree der Altstadt unbegehbar und unbewohnbar machen.

Abwägungsvorschlag der Stadt dazu:

Für das Bauvorhaben ist der Nachweis von bauordnungsrechtlich erforderlichen Stellplätzen zu führen. Darüber hinaus sollen ca. 30 Stellplätze als Quartiersgarage für Anwohner errichtet werden, um den Parksuchverkehr zu mindern. Die Ausfahrt erfolgt über die bereits genehmigte Ausfahrt der Tiefgarage Wirtschaftsschule (siehe auch Verkehrsgutachten).

Wir meinen: Das ist recht mager als „Abwägungsvorschlag“! Kein Wort zu den Vorschlägen, zu Kultur, bezahlbarem Wohnraum und Grünflächen. Ist der Stadt das alles egal?

30 Stellplätze für Anwohner zur Vermeidung von Parksuchverkehr? Niemand sagt, was die Tiefgarageneinfahrt, die von der Stadt bezahlt werden soll, wirklich kosten wird, die Rede ist immerhin von 1.500.000 Euro. Will die Stadt jeden dieser Parkplätze mit – allermindestens – 50.000 Euro subventionieren? Die „erforderlichen Stellplätze“ hat der Bauherr zu zahlen, bekommt aber die teure Zufahrt geschenkt. Das ist nicht zu verantworten und liegt nicht im „öffentlichen Interesse“.

Und jetzt?

Jetzt wissen wir, dass die Stadt nicht bereit ist, sich mit Argumenten ernsthaft auseinanderzusetzten. Wir haben gesehen, was die Stadtratsmehrheit unter „Abwägung“ verstanden hat. Nicht das, was im Lexikon steht, nämlich das Für und Wider bei einer Entscheidung bedenken, sondern einfach weitermachen und Argumente ignorieren. Aber das muss ja – siehe „Storg“-Fassade – nicht so bleiben. Solange der Bebauungsplan nicht bekanntgemacht ist, bleibt noch Zeit zum Abwägen.

Wie geht es weiter?

Die Stadt hat im Amtsblatt auch die Aufhebung des bisher geltenden Bebauungsplans für das Bürgerspitalareal bekannt gemacht. Eigentlich sollte das parallel zur Inkraftsetzung der neuen Pläne geschehen. Dazu ist aber, weil es auch um den Flächennutzungsplan geht, eine Genehmigung der Regierung der Oberpfalz erforderlich. Dazu gibt es nur die Information, dass die Stadt Mitte Oktober die Unterlagen für das Genehmigungsverfahren vorbereitet hat. Außerdem sind bereits Klagen gegen den neuen Bebauungsplan angekündigt, die erst erhoben werden können, wenn der Plan im Amtsblatt bekannt gemacht ist. Die weitere Entwicklung ist also noch offen. Derzeit gibt es aber für das Gelände des Bürgerspitals keinen Bebauungsplan. Gebaut werden könnte also nach dem Baugesetzbuch, was sich „in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt“. Der bisher vorgesehene Gebäudeklotz tut das sicher nicht. Aber vielleicht will die Stadt damit sich und dem Grundstückseigentümer Ten Brinke andere Wege zur Bebauung eröffnen. Vom großzügigen Fußgängerbereich mit reichlich Grün hat sich die Stadt damit aber schon einmal verabschiedet. (ws)


 

Das Ring-Theater bildete den adäquaten Rahmen für die Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Rolf Monheim

 

Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler

(18.09.2018) Es war fast so etwas wie eine Abstimmung mit den Füßen, dass gut 200 Menschen am 14. September zur Podiumsdiskussion der IG Menschengerechten Stadt ins Ring-Theater strömten. Und niemand beschwerte sich über fehlende Parkplätze. Die endgültige Abstimmung über den Bebauungsplan Bürgerspital-Areal wird am 24. September bequem von den Ratsstühlen aus erfolgen – mit erwartungsgemäßem Ergebnis. Denn selbst Prof. Dr. Rolf Monheim und die Argumente später aus dem Publikum gegen das Gesamtprojekt waren für CSU, SPD und Amberger Bunt nicht einmal überdenkenswert.

 

Die Amberger Altstadt ist nicht groß: einen knappen Kilometer lang, etwas mehr als einen halben Kilometer breit. Und dennoch behauptet der Einzelhandel, die Wege in ihre Geschäfte seien der Kundschaft zu weit und es gäbe zu wenig Parkplätze. Die städteplanerischen Untersuchungen Monheims aus Regensburg, Nürnberg und Bamberg ergeben ein anderes Bild. Innenstädte, so der Mobilitäts- und Handelsforscher aus Bayreuth, brauchen einen attraktiven Einzelhandel, ebenso aber müssen sie Erlebnisräume bieten. Bewohnerinnen und Besucher gehen in die Stadt, um etwas zu erleben, nicht nur um einzukaufen. Dieses „Mehr“ nennt Monheim Shopping-Tourismus. Damit sich die Menschen längere Zeit in der Stadt aufhalten, braucht es öffentlichen Leben auf Plätzen und in den Straßen.

Eine „besuchergerechte Freiraumgestaltung“, damit Menschen gerne durch die Stadt flanieren, sie in sich aufnehmen mit all ihren historischen Gebäuden, in denen kleine Läden untergebracht sind, wo sie Kontakte pflegen und knüpfen können – all das führe zu einem Einkaufs- und Aufenthaltserlebnis – zu einer Stadt als Begegnungsraum.


Dazu braucht es eine nachhaltige Stadtentwicklung. „Wenn man dem Volk mehr aufs Maul schaut, wird klar, dass ein flächenhaftes Einzelhandelsangebot attraktiver ist als ein einzelner großer Konsumtempel“, so Monheim. Seine Befragungen stützen die Aussagen. Wo immer er und andere Befragungen durchgeführt haben, ergibt sich das gleiche Bild: Die Händler wollen den Parkplatz vor dem Laden, weil sie meinen, das sei gut fürs Geschäft, die Passanten wollen in Ruhe flanieren, genießen und einkaufen.

Irrungen und Wirrungen

Was sich die Händler speziell in Amberg von einer Tiefgarage und einem „Nahversorger“ auf dem Gelände des Bürgerspitals erhoffen, bleibt rätselhaft. Sehnt man sich wirklich nach einem Drive-in-Discounter, der die Konkurrenz in der Altstadt ordentlich aufmischt? An den wenigen Minuten erspartem Fußweg zwischen Altstadtgarage und Spitalkirche, dürfte kaum der Umsatz von Läden in der Altstadt abhängen.


Eine Befragung von Besuchern der Nürnberger Innenstadt, die ihr Fahrzeug im Parkhaus abgestellt hatten, ergab, dass sie anschließend im Durchschnitt rund anderthalb Kilometer gelaufen sind, ein Viertel von ihnen sogar mehr als zwei Kilometer. Nur 5 Prozent der Besucher meinen dazu, die Fußgängerzone in Nürnberg sei zu groß, mehr als doppelt so viele finden sie zu klein und die überwältigende Mehrheit hält sie für richtig dimensioniert.


In Bayreuth forderten die Händler wiederholt, die Fußgängerzone müsse für den Autoverkehr geöffnet werden. Eine Passantenbefragung im Jahr 2004 zeigte aber, dass die Besucher und damit die potentiellen Kunden das komplett anders sahen: eine satte Zweidrittelmehrheit sagte, dadurch würde die Attraktivität der Innenstadt geringer, nicht einmal jede(r) Zehnte glaubte, sie würde größer. Besonders interessant: Von den Passanten, die aus dem Umland gekommen waren, erhoffte sich nur jeder Zwanzigste eine Verbesserung der Attraktivität durch Autoverkehr.


Als weiteres Beispiel Regensburg mit seiner Fußgängerzone, die ebenfalls größer ist als die Amberger Altstadt und von der jeder Meter gegen den Widerstand des Handels durchgesetzt werden musste: Dort störten sich („gefällt mir überhaupt nicht“) nur 9 Prozent der Besucher und 17 Prozent der Bewohner daran, dass die Altstadt – vermeintlich – mit den Auto schlecht erreichbar sei. Aber mehr als die Hälfte (59 Prozent) der Händler waren dieser Meinung. Die Regensburger Altstadt ist heute Weltkulturerbe und er gibt auf fast allen Plätzen dieser Stadt so gut wie keine parkenden Autos mehr.


Es gibt im Handel einen unerschütterlichen Glauben an das Heil des Autoverkehrs und den Umsatz, der mit dem Auto kommt: Schon 2006 und 1997 zeigten Befragungen in Bamberg und Regensburg, dass die Händler die Präferenzen und Wertungen der Innenstadtbesucher falsch einschätzen: Bamberg erhielt von 42 Prozent der Besucher ein „sehr gut“ im Fach Autoerreichbarkeit, während nur 19 Prozent der Händler diese Bestwertung vergeben wollten und – das ist das Kuriose – auch meinten, die Besucher der Stadt und damit ihre Kunden sähen das genauso. Jahrzehnte später sind die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen der Universität Bayreuth immer noch nicht in Amberg angekommen.

„Die SPD ist gnadenlos desorientiert“

Das Problem in Amberg sind natürlich nicht nur Geschäftsleute, die ihr Heil im Parkplatz vor der Ladentüre sehen. Es ist auch eine Stadtratsmehrheit, die diesem widerlegbaren Aberglauben folgt. Für Dieter Mußemann (CSU) ist und bleibt es ein „resourcenschonendes Bauen“ auf dem Bürgerspital-Areal, wenn eine Tiefgarage unter dem Gebäudekomplex liegt. Für Dr. Eberhard Meier (Freie Wähler) ist das Verkehrskonzept „aus der Mottenkiste“. Statt einem Geschäftsmodell auf Kosten der Gesundheit sollten lieber die vielen Leerstände beseitigt werden. Josef Lorenz (Amberger Bunt) sah es als Tatsache, dass viele Menschen bequem seien. Seine Ausschussgemeinschaft habe die Mehrheitsentscheidung für den Wettbewerbssieger akzeptiert. „Wir sollten schon was Neues wagen, denn jede Zeit hat ihre Architektur.“ Die Grünen hätten von Anfang an für eine Nutzung des Geländes als Altersheim plädiert, so Helmut Wilhelm, zumindest für eine kleinteilige Bebauung. Eine Tiefgarage hält das Bündnis für nicht vertretbar und die Ausfahrt in der Ziegelgasse sei an einer völlig unübersichtlichen Stelle. Klaus Mrasek (ödp) wiederum fühlte sich von Prof. Monheims Ausführungen bestärkt und nannte das Jammern über fehlende Parkplatze „ein Märchen“. „Wir brauchen keine öffentliche Tiefgarage und keine Einfahrt in der Bahnhofstraße. Wir stimmen nicht zu.“ Die Mehrheit der SPD-Fraktion, so Uli Hübner, stehe hinter dem Wettbewerbssieger. Allerdings wolle man „in Zukunft eventuell offener agieren“, da das Verfahren intransparent gewesen sei und die Bürger früher hätten beteiligt werden sollen.
„Die SPD ist gnadenlos desorientiert“, warf ihm Prof. Monheim daraufhin vor. Zukunftsorientiert seien Entscheidungsträger dann, wenn sie Modelle wie Car-Sharing oder automatisierte Tiefgaragen, die nur ein Garagentor und keine Einfahrtsschluchten brauchen, in die Stadtgestaltung einplanten. Eine Tiefgarage in der Fußgängerzone mache die Aufenthaltsqualität und damit die Lust am Gehen durch eine Stadt für die Menschen zunichte. Und dabei habe Amberg alles, um die Altstadt attraktiv zu machen.


 

Wem gehört die Stadt und wer baut für wen?

Buh-Rufe und Pfiffe zwischendurch für die Statements manch eines Stadtratsvertreters – Andreas Ascherl, Redakteur der Amberger Zeitung, bei dieser Veranstaltung in der Rolle des Moderators, hatte alle Hände voll zu tun. Das Mikrofon fest in der Hand behaltend, ließ er die Zuhörerinnen und Zuhörer zu Wort kommen. Und so mussten sich die Herren den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Geschichte der Stadt auf der Fläche des Bürgerspital-Areals einfach ausgelöscht hätten. Das Gelände gehöre den Ambergern, nicht dem Stadtrat. Damit seien die Mehrheitsparteien schlicht nicht mehr wählbar.


Interessanterweise waren es dann tatsächlich Jüngere und neu Zugezogene, denen ihre Zukunft wichtig war. Wie, so fragten sie, wie den Menschen angesichts von Klimawandel oder Hambacher Forst vermittelt werden soll, dass sich Amberg Autos in die Stadt holt. „Traurig und nicht zukunftsorientiert“ sei das Bauvorhaben. Sie hielten ein gesamtgesellschaftliches Wohnkonzept für nötig. „Da scheint die jüngere Generation weiter zu sein als die ältere“, konstatierte Ascherl auf seinem Parcours durch die Kinoreihen, diesmal zum Vorsitzenden der IG Menschengerechte Stadt, Achim Hüttner. Er verwies auf die Erfolge, die der Verein im Sinne einer lebenswerten Altstadt in Amberg schon erzielt hat, z.B. die autofreie Schiffgasse, kein Parkhochhaus im Maltesergarten. Denn wem gehört denn nun die Stadt? Der Stadtrat jedenfalls tue so, als ob sie ihm gehöre. Die Frage sei aber die nach den Bedürfnissen und wer für wen baue. Dass sich so viele junge Leute gegen die derzeitige Politik aussprechen, freute ihn besonders. „Die Gesundheit der Jüngsten ist mehr Wert als 100 Meter weniger zu gehen.“ Am Ende blieb ihm die Hoffnung, „dass die Judikative greift, wenn die Einsicht nicht kommt.“

Und jetzt ein Kommentar

Im Vorfeld der Veranstaltung gab es Irritationen, hervorgerufen durch einen Artikel in der Amberger Zeitung: „Einer fehlt auf dem Podium“. Leicht zu erraten, dass es sich um OB Michael Cerny handelte. Doch entgegen anderslautenden Meldungen war der OB selbstverständlich rechtzeitig zur Veranstaltung geladen – allerdings war er nie fürs Podium vorgesehen. Die IG wollte mit den Fraktions- und Ausschussvorsitzenden diskutieren. Außerdem hätte dann Dieter Mußemann wieder ausgeladen werden müssen, da es keine zwei Vertreter einer Partei auf dem Podium sein sollten und dies auch den Rahmen gesprengt und dem Gleichbehandlungsgrundsatz widersprochen hätte. Ergo kann der OB gar nicht wieder ausgeladen worden sein, wie er im OTV behauptet hat. Falls er aus seiner Schmollecke herausgekommen ist, hatte er hoffentlich ein erholsames Wochenende und ist gewappnet für die kommende Auseinandersestzung. Er ist ja überzeugt, so jedenfalls ist es in der Amberger Zeitung nachzulesen, dass sich mit dem Ten Brinke-Projet Preise gewinnen ließen. Dann sollte er mit diesem architektonischen Prachtexemplar tatsächlich auf die grüne Wiese. Und wenn stimmt, dass der Bau der Tiefgarageneinfahrt ca. 1,5 Millionen Euro kostet, wie Dieter Mußemann auf eine entsprechende Frage kundtat, könnten diese Steuergelder auch für einen Elektro- oder selbstfahrenden Kleinbus verwendet werden und der Stadt bliebe ein „seelenloses“ Etwas erspart. Phantasie hat eben doch Grenzen dort, wo Einwendungen gegen ein Bauvorhaben als Bürgerbeteiligung interpretiert werden. Wenn CSU und SPD all das, was Prof. Monheim mit seinen Befragungen zu Tage befördert hat, schon kennen und alles wissen: Warum machen sie in Amberg dann genau das Gegenteil? Weil sie, wie es ein Teilnehmer formulierte, erschreckend erkenntnisresistent sind. Weil sie mit Begrifflichkeiten verschleiern, was tatsächlich geschieht und meinen, schöne Worte allein überzeugen. Sie sagen „resourcenschonendes Bauen“, verschweigen aber die grandiose Flächenversiegelung von rund 5.000 Quadratmeter für ein Bauwerk, das in die Altstadt passt wie die Faust aufs Auge. Sie sagen zukunftsorientiert und agieren rückwärtsgewandt. Glauben sie selbst, was sie sagen oder ist es das Resultat gezielter Lobbyistenarbeit? Beides wäre gleichermaßen fatal. Denn angesichts gravierender gesellschaftlicher und umweltpolitischer Probleme reichen schöne Worte allein einfach nicht.                                                                                                                                al/Foto: Reuther

 

Mit "Weiter" zur pdf des Vortrags von Prof. Dr. Rolf Monheim


 

   

Prof. Dr. Rolf Monheim
Abteilung Angewandte Stadtgeographie, Universität Bayreuth
Studium der Geographie, Geschichte und Soziologie Geboren 1941 in Bochum, verheiratet, 3 Kinder

Vita:
1961 – 1968 Studium der Geographie, Geschichte und Soziologie in Bonn, München und Aachen
1968 Promotion an der Universität Bonn: „Die Agrostadt im Siedlungsgefüge Mittelsiziliens“
1976 Habilitation an der Universität Bonn: („Fußgängerbereiche und Fußgängerverkehr in Innenstädten in der Bundesrepublik Deutschland“
1978 – 2007 Professur für Angewandte Stadtgeographie, Universität Bayreuth

Referentenportrait
Schwerpunkte in Forschung, Lehre und Beratung
Innenstädte in Deutschland und Italien (Nutzung, Erschließung, Bewertung, historische Entwicklung)
Einzelhandel/Einkaufszentren Verkehr/Mobilität
Freizeit/Tourismus
Wohnen/Wohnortmobilität Stadtplanung/Stadtgestaltung, Stadtmarketing
(Quelle: bcsd)