Podiumsdiskussion

Altstadt bewahren & gestalten

Denkmalpflege und Stadtentwicklung auf der Höhe der Zeit

28. Juli 2021, Ringtheater Amberg

Welchen Wert haben Baudenkmäler und ihre Erhaltung für eine Stadtgesellschaft und Stadtkultur? Was ist ein Denkmalensemble? Wie kann zeitgemäße Denkmalpflege gelingen? Wie ist sie finanziell überhaupt noch leistbar? Wie kann modernes Wohnen, Leben und Wirtschaften in der Altstadt aussehen? Verträgt sich Denkmalschutz mit Klimaschutz? Mit wirtschaftlichen Interessen? Was zeichnet eine qualitätsvolle und denkmalgerechte Baukultur aus? Welche Nutzung und Gestaltung ist für Straßen, Gassen und Plätze denkbar und sinnvoll? Ist eine autofreie Altstadt erstrebenswertes Ziel oder Traumtänzerei? Wie lassen sich Denkmalpflege und Stadtentwicklung zusammen und nicht gegeneinander denken?

Um diese und ähnliche Fragen zu erörtern, hatte die Interessengemeinschaft Menschengerechte Stadt am 28. Juli 2021 zu einer Podiumsdiskussion ins Ringtheater Amberg eingeladen. Unter dem Titel "Altstadt bewahren & gestalten. Denkmalpflege und Stadtentwicklung auf der Höhe der Zeit" diskutierte eine prominent besetzte Runde mit dem zahlreich erschienenen Publikum. Die Organisatoren rund um Bertold Bernreuter, der die Diskussion auch moderierte, hatten mit vier auswärtigen Experten bewusst dem kritischen Blick von außen ein Podium eröffnet. Dieses war zugleich Auftakt zur Veranstaltungsreihe denk!mal amberg, die für unterschiedliche Themen im Spannungsfeld von Kulturerbe, Denkmalpflege und Stadtentwicklung sensibilisieren möchte.

Auf unserem YouTube-Kanal können Sie sich die Videoaufzeichnung der Diskussion ansehen:
Video

Denkmalpflege braucht Qualität

Qualität in der Denkmalpflege ist das Schlüsselwort für Bezirksheimatpfleger Tobias Appl: Qualität bedürfe es in der architektonischen Planung ebenso wie in den Diskussionen zur Stadtentwicklung als auch dann bei der Ausführung. Sie zeige sich in einem durchaus modernen Bauen, das jedoch auf seine Umgebung eingehe und Elemente daraus aufnehme. Ein Bauen "von der Stange" sei für jedes historische Stadtbild ein großes Problem. Erfreulich sei es angesichts dieser Herausforderung, dass Bauherren oft als Ergebnis des Sanierungsprozesses gerade die Besonderheiten ihres Denkmals sehen und schätzen lernen. Diese zu erhalten, mag einen erhöhten Aufwand bedeuten, doch dafür gebe es von verschiedener Seite auch Zuschüsse.

Tobias Appl
"Ein guter Architekt nimmt auf, was der Platz, das Gebäude, die Umgebung hergibt und zur Stadt passt."

Tobias Appl

Grundsätzlich sei zeitgemäßes Wohnen in jedem Gebäude umsetzbar und auch wünschenswert, denn das Ziel von Denkmalpflege sei nicht, "eine Stadt zu einem Freilandmuseum zu machen". Auch in Sachen Klimaschutz könnten alte Gebäude qualitativ punkten: Für ihre Renovierung sei im Gegensatz zur Herstellung eines Neubaus kaum "graue Energie" aufzuwenden; mit angepassten Techniken sei auch in der Nutzung eine gute Energiebilanz erreichbar. Zudem bestünden sie in der Regel aus natürlichen und damit problemlos entsorgbaren Materialien. Dass die Amberger Altstadt eine außerordentliche urbane Qualität besitzt, steht für Appl außer Frage: Mit seiner herausragenden historischen Bausubstanz hätte sie das Potenzial, um in einer Liga mit Rothenburg ob der Tauber zu spielen.

Bürgerbeteiligung im Denkmalnetz

Diese Sicht bekräftigte Birgit Angerer, Sprecherin des Denkmalnetzes Bayern, in ihrem Plädoyer für einen bürgernahen Denkmalschutz. Der Staat habe seit den 90er Jahren sein Engagement kontinuierlich zurückgefahren, Personal und Fördergelder würden immer weniger. Umso wichtiger sei es, dass die Bürger selbst für den Erhalt des Bauerbes eintreten, wozu das Denkmalnetz durch die Vernetzung von Initiativen und diverse eigene Aktivitäten beitragen möchte.

Ein 15-Punkte-Programm biete dazu Orientierung: So wird darin etwa eine Stärkung und ein Ausbau der Qualifikation in Denkmalpflege gefordert, sei es in der Architektenausbildung oder bei den Behördenmitarbeitern. Die Personal- und Finanzausstattung müsse adäquat erhöht sowie die Verfahren und Kommunikationswege verbessert werden, unter anderem mit einer rechtlich verankerten Möglichkeit zur Bürgerbeteiligung. Der Wert von Kulturdenkmälern und ihrer Erhaltung müsse als allgemeines Bildungsziel verankert, der konkrete Erhalt des Stadtbildes und der historischen Bausubstanz gefördert werden. Zu letzterer würden neben den ältesten archäologischen Zeugnissen in den Bodendenkmälern zunehmend auch architektonisch bedeutsame Gebäude der Moderne gehören.

Birgit Angerer
"Man sollte nicht nur einzelne Denkmalbauten schützen, sondern auch das Stadtbild erhalten und den Ensembleschutz fördern."

Birgit Angerer
Harmonisches Zusammenspiel von Alt und Neu

Wie sich modernes Bauen harmonisch in ein historisches Ensemble einfügen kann, zeigte der Berchinger Architekt Michael Kühnlein am jüngsten Projekt seines Büros auf. Die neue Kulturhalle seiner Heimatstadt bilde ein organisches Ineinander mit der benachbarten barocken Posthalterei, die von einem Betreiber aus der Region renoviert wurde und in seiner alten Funktion als Gaststätte und Hotel mit neuem Leben erfüllt werde. Der Weg zu dieser neuen Attraktion in der Berchinger Vorstadt, die trotz seiner eigentlichen Randlage sehr gut angenommen werde, war jedoch ein steiniger. Nach jahrelangem Leerstand wollte ein kuwaitischer Investor den Komplex  in ein Luxusressort verwandeln. Den hochfliegenden Plänen folgten jedoch über Jahre hinweg keine Taten, so dass die Stadt schließlich das Areal zurückkaufte, um dort an Stelle eines gesichtslosen Erweiterungsbaus aus den 1980er Jahren eine moderne Stadthalle zu schaffen, in lebendiger Verbindung zum Gasthof nebenan und mit Zugang zur Wasserfläche der vorbeifließenden Sulz.

Kühnlein unterstrich, dass es durchaus einiger Anstrengung bedurfte, um die passende Gebäudeform zu finden. Ein ursprünglich angedachter Betonzweckbau sei schnell verworfen worden, denn eine "Flachdachschachtel" in der mittelalterlichen Stadt könne nicht die Lösung sein. Stattdessen wurde es ein Bau mit steilem Spitzgiebel nach dem Vorbild alter Speicherstadel, mit viel Holz, geschlagen im Berchinger Stadtwald. Das Innere unter dem hohen Dachraum sei spartanisch gehalten und verstecke nicht, dass es sich hier um neue, zeitgemäße Architektur handele.

Michael Kühnlein
"Einfach so eine Flachdachschachtel in der mittelalterlichen Stadt, das kann es nicht sein."

Michael Kühnlein
Ungesteuerte Stadtentwicklung ist ein Problem

Den Fokus auf die Stadtentwicklung richtete der vierte Referent auf dem Podium, Architekt und Stadtplaner Johannes Peter Steidl aus Neunburg vorm Wald. Während die Städte oft bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine kompakte Größe behielten, so dass Wohnen, Arbeiten und Versorgung eng beieinander lagen, habe sich die Situation heute mit immer weiteren bebauten Flächen grundlegend gewandelt. Dieses Städtewachstum passiere weitgehend ungesteuert: "Wir betreiben keine Stadtplanung mehr, es geht nur darum, Neubaugebiete auszuweisen", war seine Einschätzung. So fehle etwa ein Plan, wie man eine Stadt fußläufiger gestalten könne. Mit dieser Entwicklung stelle sich die Frage, wo die Stadt eigentlich beginne. Sicherlich nicht am Ortsschild mit der Anzeige der verfügbaren Parkplätze, den Gewerbegebieten und Industriebauten. Was man mit Amberg verbinde, sei die Altstadt. Erst hier bekomme die Stadt ein eigenes Gesicht.

Der Flächenverbrauch werde auch durch die uniformen Einfamilienhaussiedlungen befördert. "Die plane ich auch", räumte er ein, das gehöre zum Geschäft. Doch die bessere Alternative sei, bei den Kunden Überzeugungsarbeit für die Bauten in der Altstadt zu leisten. Diese hätten eine ganz andere bauliche Qualität. "Oftmals ist es Liebe auf den ersten Blick", ist Steidls Erfahrung aus Baubesichtigungen. Im Denkmal zu bauen, sehe er daher als Privileg. Das genießt er mittlerweile auch selbst, nachdem er mit seiner Familie ein Stadtmauerhaus saniert hat.

Johannes Peter Steidl
"Wir betreiben keine Stadtplanung mehr, es geht nur darum, Neubaugebiete auszuweisen."

Johannes Peter Steidl
Kritik an Investorenarchitektur

Hatten die Eingangs-Statements Denkmalpflege und Stadtentwicklung eher von ihrer grundsätzlichen Seite betrachtet, standen in der anschließenden Diskussion die konkreten Amberger Probleme im Vordergrund, insbesondere die strittigen Planungen zum Bürgerspitalareal. Den besorgten Fragen der Amberger Bürger und Bürgerinnen begegnete das Podium mit der einen oder anderen bedenkenswerten Position und Perspektive. Tobias Appl erinnerte an die Aufgabe für die Stadtverwaltung, die ablehnenden Stellungnahmen seitens des Landesamtes für Denkmalpflege und der Stadtheimatpflegerin genauso ernsthaft abzuarbeiten wie Bedenken in anderer Sache. Die öffentliche Diskussion dazu gehöre zur demokratischen Kultur. Für Birgit Angerer ist der aktuelle Entwurf zum Bürgerspitalareal nicht gelungen: Zu verdichtet, zu hässlich sei diese Architektur. Für eine Alternative sei es wichtig, öffentlichen Raum zu öffnen, wo Menschen sich begegnen können, mit möglichst viel Grün. Wie wichtig dies sei, zeige ganz aktuell die Pandemiesituation. Michael Kühnlein sieht den Beitrag von Investorenarchitektur für die Altstädte kritisch. Sie sei nicht dem Gemeinwohl verpflichtet, sondern letztlich darauf ausgelegt, möglichst viel Rendite pro Quadratmeter zu erlösen. Johannes Peter Steidl plädierte dafür, auch in der Stadtplanung Überzeugungsarbeit zu versuchen, alle Akteure an einen Tisch zu holen. Die Öffentlichkeit solle sich bei Untätigkeit eines Investors zudem eine Rückabwicklung vorbehalten. Nachverdichtung stoße in den eng bebauten Altstädten an Grenzen und gehe dann zu Lasten der Qualität. Es sei sinnvoller, die meist vorhandenen Leerstände zu reaktivieren.

Die Zukunftsfähigkeit der Innenstädte war Kulminationspunkt der Überlegungen in der Diskussion. Für Tobias Appl ist hier die Gestaltung des öffentlichen Raumes die zentrale Frage. Es brauche mehr Aufenthaltsqualität; fußläufige Entfernungen würden den Verzicht aufs Auto ermöglichen. Die vielfältigen Herausforderungen, die oft die Kräfte des Einzelnen überstiegen, könnten erfolgreich im genossenschaftlichen Modell angegangen werden. Birgit Angerer warnte davor, sich mit Rezepten von gestern Möglichkeiten zu verbauen, die wir in Zukunft noch brauchen würden. So sei etwa ein Regionalvermarkter in der Altstadt zukunftsträchtiger als ein Vollsortimenter. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels sieht Michael Kühnlein seinen Berufsstand gefordert. Baukultur werde an ihrer Klimaverträglichkeit gemessen werden; auch die Altstädte werden wohl grüner werden müssen. "Baukultur verpflichtet", betonte Johannes Peter Steidl. Einem Neubau im Ensemble dürfe man durchaus ansehen, dass er aus dem 21. Jahrhundert stamme. Entscheidend sei dabei, dass der Bau in sich und zu seiner Umgebung die Verhältnismäßigkeit wahre.

Kulturhalle Berching
"Die Architekten haben dabei, vielleicht weil sie ihre Stadt lieben, den Genius loci erspürt und ihn mit Einfühlung weiterentwickelt. Sie verstehen Architektur als soziale Kunst, die vertrauten gestalterischen Strukturen und dem sozialen Kontext, aber nicht dem Baukünstler-Ego verpflichtet ist."

Falk Jaeger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Kulturhalle Berching

Die Sensibilität für das Besondere des Ortes sei der Schlüssel für ein Bauen, das nicht nur denkmalgerecht, sondern auch menschengerecht ist, resümierte Moderator Bertold Bernreuter. In der Architektur müsse man nicht nur mit dem Kopf, sondern ebenso mit dem Herzen dabei sein – eine Herausforderung weit über die Kunst des Bauens hinaus.

Die Podiumsteilnehmer

Tobias ApplDr. Tobias Appl ist seit 2012 Bezirksheimatpfleger der Oberpfalz. Er studierte die Fächer Geschichte, Germanistik, Volkskunde und Politikwissenschaft in Regensburg und München. Von 2004 bis 2012 war er Assistent am Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte der Universität Regensburg, wo er auch promovierte und wo er weiterhin als Lehrbeauftragter tätig ist. Forschung und zahlreiche Publikationen zu bayerischer Geschichte.

Birgit AngererDr. Birgit Angerer ist Sprecherin des Denkmalnetzes Bayern. Nach dem Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Volkskunde in München und der Promotion in Kunstgeschichte folgten berufliche Stationen an verschiedenen Museen, u.a. dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, und eine freiberufliche Tätigkeit. Seit 2001 war sie am Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen tätig, von 2007 bis 2019 als dessen Leiterin. Sie ist Landesbeauftragte der IgBauernhaus, regionale Ansprechpartnerin von Kulturerbe Bayern und Heimatpflegerin im Landkreis Schwandorf.

Michael KühnleinMichael Kühnlein (jun.) ist Mitinhaber des Architekturbüros Kühnlein in Berching. Nach einer Ausbildung zum Maurer studierte er Architektur in Regensburg. Es folgte die Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros in der Schweiz, Österreich und Frankreich, seit 2012 im eigenen Büro u.a. mit zahlreichen Bauprojekten im Bereich Denkmalpflege. Er ist Mitglied der Bayerischen Architektenkammer und in den Bund Deutscher Architekten berufen, zudem Lehrbeauftragter an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg.

Johannes Peter SteidlJohannes Peter Steidl ist Mitinhaber des Architekturbüros Steidl in Neunburg vorm Wald, wo er insbesondere auch als Stadtplaner tätig ist. Sein Studium der Architektur in Regensburg vertiefte er mit dem Schwerpunkt nachhaltige Stadtplanung an der Universität Liechtenstein, wo er auch als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. Nach einer Zeit in der Praxis forschte und lehrte er an der Hochschule München zu nachhaltigen Raum- und Stadtplanungsstrategien. Er ist Mitglied im Kompetenzteam Aus-, Fort- und Weiterbildung der Bayerischen Architektenkammer.

Dokumentation

Die Podiumsdiskussion auf YouTube: Video

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