Vortrag mit Diskussion

Mathias Hensch

Amberg als archäologisches Denkmal

Faszination, Aufgabe und Verantwortung für 3000 Jahre Siedlungsgeschichte

29. September 2021, Ringtheater Amberg

Um die Faszination und zugleich Verantwortung für 3000 Jahre Siedlungsgeschichte ging es in einem Vortrag von Mathias Hensch mit dem Titel "Amberg als archäologisches Denkmal", zu dem die Interessengemeinschaft Menschengerechte Stadt am Mittwoch, 29. September 2021, im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe denk!mal amberg: kulturerbe – denkmalpflege – stadtentwicklung ins Ringtheater eingeladen hatte.

Und die Ambergerinnen und Amberger kamen zahlreich: Zum eigentlichen Veranstaltungsbeginn wartete draußen noch eine lange Schlange Interessierter auf Einlass. Sie bekamen anschließend von Mathias Hensch, der unter anderem die archäologischen Grabungen von 2016 bis 2018 auf dem Bürgerspitalgelände geleitet und dabei sensationelle Funde zu Tage gebracht hatte, hochinteressante Einblicke in die neuesten archäologischen Erkenntnisse geboten, die der Boden der Stadt über deren Geschichte in jüngster Zeit preisgegeben hat. In knapp anderthalb Stunden spannte Hensch einen geschichtlichen Bogen von den hallstattzeitlichen Kelten in der Altstadt bis zum frühneuzeitlichen Amberg.

Auf unserem YouTube-Kanal können Sie sich die Videoaufzeichnung des Vortrags ansehen:
Video

Archäologische Quellen erhalten

Ambergs Geschichte beginne keineswegs mit seiner ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1034, führte Hensch aus. Die Siedlung dürfte zu diesem Zeitpunkt schon etwa 300 Jahre bestanden haben, wie zahlreiche Funde aus frühkarolingischer Zeit belegen. Noch einmal rund 1500 Jahre vorher ließen sich in der frühen Hallstattzeit Kelten im heutigen Stadtgebiet nieder und bestatteten hier ihre Toten unter großen Grabhügeln. Ambergs älteste Geschichte liege also nicht in erster Linie im Stadtarchiv bewahrt, sondern im Boden unter der Altstadt. Archäologische Funde und Befunde erzählten über das Werden und Wachsen Ambergs, über das Alltags- und Wirtschaftsleben seiner Bewohner und nicht zuletzt über seine Bewohner selbst.

Mathias Hensch
"99 Prozent der Quellen zur frühen Amberger Geschichte sind nicht schriftlich, sondern allein als archäologische Quellen im Boden überliefert."

Mathias Hensch

Aus dieser ebenso einfachen wie faszinierenden Feststellung erwachse, so Hensch, eine große Verantwortung gegenüber diesem historischen Erbe. Denn moderne Baumaßnahmen führten zu einem steten Verlust an archäologischen Geschichtsquellen, die keine nachwachsende Ressource darstellen, zugleich aber in hohem Maße schützens- und erhaltenswert seien.

Der Vortrag beleuchtete im Fortgang anhand ausgewählter Einblicke in den Boden der Altstadt unterschiedliche Aspekte der Amberger Geschichte von den Anfängen bis in die Neuzeit und verdeutlichte somit die hohe Aussagekraft archäologischer Quellen für die Stadtgeschichte.

Von den Kelten bis in die Neuzeit

Einen ersten Höhepunkt des Abends bildeten dabei Henschs Erläuterungen zu den ältesten Funden auf dem Bürgerspitalgelände, die eindrücklich die Anwesenheit von frühen Kelten in der Altstadt belegen. Die Reste von drei Grabhügeln aus dem 8. Jahrhundert vor Christus sowie von diversen Brandbestattungen legen eine frühhallstattzeitliche Siedlung nahe, in der auch schon Eisen verhüttet wurde.

Mit einem Einblick in die frühkarolingischen Anfänge einer Siedlungskontinuität bis zum heutigen Amberg konnte Hensch die bislang wenig erforschte Gründungszeit der Stadt erhellen. Ausgehend von einer Handelssiedlung östlich der Vils habe sich die befestigte mittelalterliche Stadt entwickelt, mit Sankt Martin als Kern, der möglicherweise einen Königshof darstellte, welcher später zu einem Kloster umgewidmet worden sein könnte. Weitere frühmittelalterliche Siedlungskerne seinen nachfolgend um den Eichenforst und Sankt Georg entstanden. Wichtige wirtschaftliche Betätigung war wiederum die Eisenverhüttung und -verarbeitung, von der zahlreiche Funde in der Altstadt Zeugnis abgeben, wie Hensch veranschaulichte.

Herzogshof auf dem Bürgerspitalareal
"Das ist für die Stadtgeschichte ein enorm wichtiger Befund: Wir haben auf dem Spitalgelände den Vorgänger der Residenz, wir wir sie heute an der Stadtbrille haben. Das ist der erste Sitz der Wittelsbacher im Stadtareal."

Mathias Hensch

Einen breiten Raum nahmen schließlich die hoch- und spätmittelalterlichen Funde auf dem Bürgerspitalgelände ein. Ein für die Stadtgeschichte essentieller Befund sei der Nachweis eines in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts errichteten Herzogshofs außerhalb der Kernsiedlung; er sei die erste Wittelsbacher Residenz im Stadtareal. Nach der Schenkung Ludwig des Bayern von 1317 werde dieser als Spital genutzt und ausgebaut und bleibe bis ins 21. Jahrhundert Ort der kommunalen Sozialfürsorge. Zahlreiche vor allem spätmittelalterliche Grabfunde erlaubten Rückschlüsse auf die Glaubensvorstellungen der Zeit.

Tiefgreifende Denkmalpflege

Mathias Hensch verdeutlichte in seinem Vortrag, dass das obertägig erhaltene Altstadtensemble untrennbar mit den im Boden erhaltenen Spuren der Vergangenheit verbunden ist. Ohne die Bewahrung von Bodendenkmälern sei geschichtliche Forschung zu den Zeiten vor schriftlichen Quellen schlicht nicht möglich. Verantwortungsvolle Denkmalpflege bedeute somit mehr als der Erhalt von Einzeldenkmälern und hübschen Fassaden im historischen Zentrum. Die Altstadt als Ganzes sei als Denkmalensemble geschützt, so Hensch. Einzelne Gebäude bildeten gemeinsam ein Kulturdenkmal; dabei müssten diese nicht oder zumindest nicht alle Einzeldenkmale sein.

Ansicht Ambergs in der Cosmographia von Sebastian Münster
"Bei einem Ensemble handelt es sich um eine bauliche Gruppe, die aufgrund ihres Zusammenwirkens als erhaltungswürdig erachtet wird und geschützt werden soll."

Monumente 4/2016, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

In der anschließenden Diskussion sprach sich Hensch für eine gut durchdachte mediale Aufbereitung der Grabungsergebnisse vom Bürgerspitalgelände vor Ort aus. Dies sollte im Zuge der Entwicklung des Areals mit eingeplant und realisiert werden, wozu er als ehemaliger Grabungsleiter seine Mithilfe anbot, sogar unentgeltlich. Dem völligen Verzicht auf eine Bebauung zugunsten eines archäologischen Parks erteilte er eine Absage, da das Areal seit 1200 Jahren immer bebaut gewesen sei, allerdings mit großen Freiflächen, wie der Urkatasterplan von 1835 zeige. Die dort kartierte Gebäudestruktur entlang des Spitalgrabens schlug er als Grundlage für eine künftige Bebauung vor: Aufgrund der relativ großen Kubaturen sei sie modern nutzbar, biete jedoch ausreichend Freiraum für eine Begrünung.

Ausgewiesener Experte

Der Organisator und Moderator des Abends, Bertold Bernreuter, zeigte sich hocherfreut, dass mit Dr. Mathias Hensch ein ausgewiesener archäologischer Experte zur Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte der Oberpfalz der Einladung gefolgt war, im Ringtheater zu sprechen und sich den Fragen des Publikums zu stellen. Der ebenso faszinierende und hochinteressante wie kurzweilige und spannende Vortrag weise ihn nicht nur als exzellenten Archäologen aus, sondern auch als Wissenschaftler, der sein Fach anschaulich und gewinnend zu vermitteln wisse.

Besucherandrang vor dem Ringtheater
Besucherandrang vor dem Ringtheater

Der Referent

Mathias HenschDr. Mathias Hensch ist Referent für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg. Er studierte Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Vor- und Frühgeschichte sowie Mittelalterliche Geschichte an den Universitäten Bamberg und Aarhus. Von 1992 bis 2001 leitete er die archäologischen Grabungen am Schloss Sulzbach, wozu er 2003 promovierte. Es folgten zahlreiche Grabungen und Publikationen zu seinen Forschungsschwerpunkten in der Siedlungs-, Kirchen-, Herrschafts- und Montangeschichte der Oberpfalz, darunter von 2016 bis 2018 die Grabungen auf dem Bürgerspitalareal in Amberg.

Dokumentation

Der Vortrag auf YouTube: Video

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