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EIN LESERBRIEF VON WOLFGANG SCHIMMEL  Mai 2021  (Nicht veröffentlicht )

zu folgendem Artikel in der Amberger Zeitung vom 24. 5. 2021

https://www.onetz.de/oberpfalz/amberg/wirtschaftsvertreter-ten-brinke-projekt-frequenz-wichtigste-id3240130.html

 

Nun darf sich „die Wirtschaft“, respektive deren vom Redakteur der AZ handverlesene „Vertreter“, zu Wort melden und für den Redaktionsbesuch aus dem Hause Ten Brinke den roten Teppich ausrollen: ein stadtbekannter Baulöwe, der schon vor zwei Jahren in der AZ für eine Verkürzung der Fußgängerzone geworben hat, ein Möbelhändler, der anscheinend – so schüchterne Andeutungen in auswärtigen Medien – in der Dostlerstraße gern erschließungskostenfrei bauen würde, und der Chef der städtischen Wirtschaftsförderung, Schutzpatron vom Denkmalschutz gequälter Investoren. Das gilt hierzulande als „die Wirtschaft“, die Chefs eben, die Beschäftigten zählen nicht, Mieter und Verbraucher erst recht nicht.

Was diese „Wirtschaft“ zur Bedeutung des Bauvorhabens zu sagen hat, ist weder originell noch neu und schon gar nicht einleuchtend. Die „Frequenz“ soll dafür sorgen, dass „wieder Leben einkehrt“ in die historische Altstadt von Amberg. Das ist aus zwei Gründen absurd: Zum einen ist die Altstadt – nicht einmal in der Ära der Pandemie – tot. Untaugliche Wiederbelebungsversuche können da nur schaden. Zum anderen bringt „Frequenz“ alleine nichts für ein wirklich lebendiges Stadtzentrum; wäre das so, dann müssten die riesigen Parkplätze bei den Supermärkten am Stadtrand mit ihrer tollen Anzahl an Fahrzeugbewegungen richtig „lebendige“ Stadtviertel sein.

Ein zusätzlicher Discounter – „Netto“ stand schon einmal in den Plänen – in der Altstadt wird absehbar den Geschäften im Umfeld das Leben nicht gerade leichter machen. Auf bis zu 1.200 m2 hat der Betreiber des Ladens die besten Bedingungen, andere mit langen Öffnungszeiten und Sonderangeboten (z.B. am 25. Mai das Pfund Schweineschnitzel für 2,99 €) niederzukonkurrieren. Dass rund um den geplanten Neubau schon heute zahlreiche Läden leer stehen, macht das Vorhaben städteplanerisch nicht sinnvoller. Wenn es schon um Wirtschaft geht, könnte man ja auch daran denken. Solange aber nur von irgendeiner „Frequenz“ geredet wird und nicht darüber, wohin die Leute gehen oder fahren, ist für solche Überlegungen kein Raum.

47 Wohnungen sollen – so das Verkehrsgutachten – entstehen. Bleibt es bei den bisher vorgelegten Plänen zur Innenaufteilung, dann werden jeweils kaum mehr als zwei Personen dort wohnen – Familien mit Kindern mangels eines Spielplatzes eher nicht. Es geht also um weniger als 100 – wahrscheinlich nur die Hälfte davon – zusätzliche Altstadtbewohnerinnen und -bewohner, etwa 1 bis 3 Prozent! Ob dadurch die Geschäftswelt einen spürbaren Schub erhalten würde, ist recht fraglich, zumal der für die Bewohner des Hauses per Aufzug leicht erreichbare Supermarkt einiges an Kaufkraft abschöpfen dürfte. Was die Wohnungen übrigens kosten sollen, wer dort überhaupt einziehen kann, das hat die Stadtratsmehrheit bis heute nicht interessiert – die „Wirtschaft“ auch nicht.

Herr Brandelik, der städtische Wirtschaftsförderer, weiß allerdings, wie der Hase bei solchen Projekten läuft: Das Vorhaben von Ten Brinke entspreche „zeitgemäßen Stadtentwicklungstrends“, lässt er sich zitieren und meint damit „bestmögliche Raumausnutzung“. Das ist passend, weil „Investoren“ (belassen wir es bei diesem freundlichen Wort) heutzutage eben Baugrund kaufen, bis an die letzte Kante zubetonieren und danach das Ganze, etwa Wohnungen mit Loggien in traumhafter Nordlage, schnellstmöglich verkaufen. Den Menschen in Amberg bleibt dann ein 65 m langer Gebäuderiegel, der das Ensemble der historischen Altstadt dauerhaft entstellt, wobei es auf die Fassade nun wirklich nicht ankommt. Den Investor interessiert das alles nicht mehr, er sucht schon nach dem nächsten Raum zur bestmöglichen Ausnutzung.

Wie gut, dass uns die Amberger Zeitung solche Kompetenz der „Wirtschaft“ wieder einmal (wie oft eigentlich schon?) vorführt.

Wolfgang Schimmel
Amberg