Veranstaltungsreihe
Kulturerbe
Denkmalpflege
Stadtentwicklung
Amberg besitzt mit seiner Altstadt ein historisches Denkmalensemble, das in seiner baulichen Geschlossenheit europäischen Rang besitzt. Dieses überkommene Bauerbe ist Verpflichtung und Verheißung zugleich: Es gilt, es zu erhalten als auch stets neu zu entwickeln, in alten Mauern neues Leben zu ermöglichen. Hier die Balance zu finden, ist eine kontinuierliche Herausforderung. Es bedarf beides: Bewahren und Gestalten. Weder die Musealisierung noch der kommerzielle Ausverkauf der Altstadt sind eine Lösung. Ein engagierter Schutz ihres historischen Erbes macht die Stadt insgesamt attraktiv; eine vitale Stadt wiederum ermöglicht erst Erhalt und Nutzung des historischen Zentrums. Kurz: Denkmalpflege und Stadtentwicklung sind keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Sie sind unerlässliche Voraussetzung für ein lebendiges Kulturerbe, das nicht zur Kulisse erstarrt. Das konkrete Wie eines gewinnenden Ausgleichs beider Perspektiven wird stets erneut ausbuchstabiert werden müssen.
Die Veranstaltungsreihe wirft Schlaglichter auf aktuelle Themen in diesem Spannungsfeld von Kulturerbe, Denkmalpflege und Stadtentwicklung und ihre Bedeutung für Amberg. Dem dienen unterschiedliche Veranstaltungstypen wie Fachvorträge, Diskussionen, Ortstermine und Exkursionen.
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Vergangene Termine
Mittwoch 22. Januar 2025 Vortrag Dr. Marina Jung
Amberger Stadtentwicklung: Vortrag über historische Fehler
In Amberg wurde Denkmalschutz lange klein geschrieben, stattdessen wurde mit der Spitzhacke das historische Stadtbild radikal verändert. Ein Vortrag im Ring-Theater gab jetzt Einblicke.
Amberg. (hyw) Etwa 60 Ambergerinnen und Amberger folgten am vergangenen Mittwoch einer Einladung der Interessengemeinschaft Menschengerechte Stadt ins Ringtheater, um sich gemeinsam mit Marina Jung den Pleiten und Pannen der Stadtentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg zu widmen, die Amberg zweifelhaften Ruhm einbrachten. Im offiziellen Jahr des Europäischen Denkmalschutzes 1975 wurde landesweit publik: "In Amberg siegt die Spitzhacke über den Denkmalschutz." So stand es zumindest in der Süddeutschen Zeitung geschrieben.
Jung, die zum Thema "Stadtplanung, Altstadtsanierung und Denkmalpflege in Amberg 1945-1974" promoviert hat, zeichnete in ihrem Vortrag den aus ihrer Sicht erschreckenden Umgang der verantwortlichen Stadtväter mit der historischen Bausubstanz nach. Wozu alliierte Bomben nicht in der Lage gewesen waren, sahen sie sich nun imstande: Die teilweise "Zerstörung" der Amberger Altstadt erfolgte im Wesentlichen erst nach dem Krieg.
Modernisierungswahn
Als "zugereiste" Wissenschaftlerin beschreibt sie nüchtern, was einheimische Gemüter durchaus zu erhitzen vermag, wie etwa das berüchtigte "Sanierungesgebiet A", um den heutigen Paradiesplatz, wo ein ganzes Stadtviertel dem damaligen Zeitgeist zum Opfer fallen musste. Oder die rigorose Umgestaltung des Stadtgrabens zugunsten eines Parkhauses und der Abriss des alten Rathauscafés in der Altstadt, das ohne Not gegen einen "modernen", hässlichen Zweckbau ersetzt wurde, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Gründe für zahlreiche Bausünden finden sich in der großen Wohnungsnot nach dem Krieg oder dem gesteigerten Individualverkehr, als sich in den Köpfen der Stadtplaner deutschlandweit die Ideologie der "autofreundlichen Stadt" festgesetzt hatte. In Amberg setzte man vor allem auf die Ideen Kurt Leibbrands, der zahlreiche Städte in städteplanerisches Unglück führte; auch im benachbarten Regensburg verbreitete er gar "Angst und Schrecken".
Widerstand in der Stadt
Dabei hätte es noch weitaus schlimmer kommen können: Leibbrands Vorschlag, gewaltige Straßenzüge durch die Altstadt zu treiben, scheiterte daran, dass es der Stadtkasse schlichtweg an Geld für das Projekt fehlte. Und auch der Wille zum Widerstand in der Bevölkerung gegen die weitere Zerstörung der Altstadt wuchs an.
Das führte 1973 schließlich zum "Baumkrieg", um etwa 460 Bäume im Stadtgebiet zu retten. Zwar vergeblich, auch die bayerischen Denkmal- und Naturschutzgesetze kamen einige Monate zu spät, jedoch wurde klar, dass es in Zukunft deutlich schwieriger sein würde, Projekte gegen den Willen der Bürger umzusetzen.
Wer nach dem Vortrag aus dem Ringtheater tritt und die Baugrube des ehemaligen Bürgerspitals vor sich hat, versteht, warum Jung ihre Arbeit als Mahnung verstanden wissen will, in Zukunft pflegsamer mit der historischen Altstadt und ihrem Gesamtbild umzugehen, damit sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Der tobende Applaus der Anwesenden sprach für sich.
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Samstag, 29. Oktober, und Samstag, 19. November 2022 Denkmalführung
Im Jahr 2011 wurde die Umgestaltung des Straßenraums der Schiffgasse abgeschlossen. Autos wurden weitgehend ausgesperrt; sie ist seitdem ein verkehrsberuhigter Bereich. Die Erwartung, dass dies die Initialzündung für eine positive Entwicklung einer der schönsten Ecken im Amberger Altstadtensemble würde, hat sich bewahrheitet – wenn auch vielleicht etwas später, als ursprünglich erhofft. Die Mehrheit der Häuser in der Gasse ist inzwischen renoviert, bis zur Schiffbrücke übrigens durchgängig Einzeldenkmäler mit teilweise mittelalterlicher Bausubstanz.
Die zwei größten Denkmalsanierungen scheinen nach Abschluss das einlösen zu können, was von Anfang an das Ziel war: dass Leben am Fluss einkehrt, die Stadt mit dem Wasser verzahnt wird und eine kleine Flaniermeile an einer traumhaft schönen Vilspartie entsteht, die schon seit mehr als einem Jahrhundert ein beliebtes Postkartenmotiv darstellt. Dazu sind die Projekte von Notstain und Bootshaus angetreten: Gastronomie, ein kleines Hotel, Freischankflächen direkt an der Vils und zum Teil sogar auf ihr. Auch das benachbarte Luftmuseum wird davon profitieren, das mit ganz eigenen Ideen aufwartet, wie Luft, Stein und Wasser verbunden werden können.
Die Denkmalführung in der Schiffgasse griff diese Themen auf und ermöglichte mit dem Besuch von Notstain und Bootshaus auch einen Blick hinter die Fassaden sowie einen Austausch mit den jeweiligen Bauherren. Insgesamt zeigt die Entwicklung in der Schiffgasse in geradezu paradigmatischer Weise, wie durch eine Aufwertung des öffentlichen Raumes auch private Investitionen angezogen werden. Insofern kann die Schiffgasse durchaus als beispielhaft für andere Altstadtbereiche g
Der Vortrag beleuchtete anhand ausgewählter Einblicke in den Boden der Altstadt unterschiedliche Aspekte der Amberger Geschichte von den frühen Kelten und frühmittelalterlichen Anfängen bis in die Neuzeit und verdeutlichte somit die hohe Aussagekraft archäologischer Quellen für die Stadtgeschichte. Zugleich wurde sichtbar, dass das obertägig erhaltene Altstadtensemble untrennbar mit den im Boden erhaltenen Spuren der Vergangenheit verbunden ist und verantwortungsvolle Denkmalpflege sich nicht auf den Erhalt historischer Fassaden beschränken darf.
Dr. Mathias Hensch ist Referent für Mittelalter- und Neuzeitarchäologie beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg. Mit zahlreichen Grabungen und Publikationen ist er ein ausgewiesener archäologischer Experte zur Siedlungs-, Kirchen-, Herrschafts- und Wirtschaftsgeschichte der Oberpfalz. Von 2016 bis 2018 leitete er die archäologischen Grabungen auf dem Amberger Bürgerspitalgelände.
Eine Zusammenfassung des Vortrags sowie eine Videoaufzeichnung finden Sie hier:
Welchen Wert haben Baudenkmäler und ihre Erhaltung für eine Stadtgesellschaft und Stadtkultur? Was ist ein Denkmalensemble? Wie kann zeitgemäße Denkmalpflege gelingen? Wie ist sie finanziell überhaupt noch leistbar? Wie kann modernes Wohnen, Leben und Wirtschaften in der Altstadt aussehen? Verträgt sich Denkmalschutz mit Klimaschutz? Mit wirtschaftlichen Interessen? Was zeichnet eine qualitätsvolle und denkmalgerechte Baukultur aus? Welche Nutzung und Gestaltung ist für Straßen, Gassen und Plätze denkbar und sinnvoll? Ist eine autofreie Altstadt erstrebenswertes Ziel oder Traumtänzerei? Wie lassen sich Denkmalpflege und Stadtentwicklung zusammen und nicht gegeneinander denken?
Zu diesen und ähnlichen Fragen diskutierten im Amberger Ringtheater Tobias Appl, Bezirksheimatpfleger der Oberpfalz, Birgit Angerer, Sprecherin des Denkmalnetzes Bayern, der Berchinger Architekt Michael Kühnlein und Johannes Peter Steidl,
Architekt und Stadtplaner aus Neunburg vorm Wald.